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Hallo Pferdefreunde!
Uelleben August 08 bis
Februar 09
Jon fuhr vor zwei Jahren schon einmal
hier vorbei. Damals musste Fina - eine niedersächsiche Kaltblutstute
- leider geschlachtet werden. Sie konnte kaum mehr geradeaus laufen
und fiel sogar um. Der Tierartz stellte die Diagnose „Spinale
Ataxie“ fest und gab keine Hoffnung. Das war eine megaharte Zeit
für Jon, die er ohne die freundliche Unterstützung der Nachbarn nur
schwer hätte bewältigen können. Auch ein neues Pferd musste
gefunden werden. Schließlich entdeckte er den Ardennerhengst Winston
und begann mit der Ausbildung von vorn. Winston hatte zu lernen:
„Bleib innerhalb der Stromlitze!“, „Gib Pfötchen!“, „Nun
vorwärst bzw. rückwärts!“, „Halt!“ und noch natürlich den
Wagen ziehen. Unterdessen verging viel Zeit, in der der Kontakt zu
den Uellebener immer intensiver wurde.
Schon längere Zeit vorher hatten wir
uns in Uelleben angekündigt. Meine Bauchtrommel wuchs ja
unaufhaltsam und so brauchten wir vorerst ein Zwischenziel bis wir
näheres wußten, wo unser Baby zur Welt kommen soll und wo wir
anschließend den Winter verbringen könnten.
Lagun durfte den letzten Feldweg nach
Uelleben mitlaufen. Er ist noch ganz jung und versteht die
gefährlichen Straßen nicht. Hechelnd tapst er hinter Nina her. Die
Sonne stand schon ganz tief als wir in den letzten oberhuckliegen
Wiesenweg einbogen. Ich wollte meinem Bauch die Strapatzen nicht
zumuten (immerhin war ich schon im siebten Monat) und bin neben
Ozeanne gelaufen. Ein paar Radfahrer genossen ebenfalls das schöne
Wetter und teilten sich mit uns den Weg. Jon entdeckte bereits seinen
alten Parkplatz, der extra für uns schon gemäht war. Auf der linken
Seite erstreckte sich eine riesige Pappelallee. Jon parkte dich
daneben auf dem Wiesenstreifen. Auf der anderen Seite vom Weg waren
mehrere Kleingärten. Eine junge, hübsche Thüringerin von schlanker
Statur mit halslangen braungelockten Haaren, so um die zwanzig,
begrüßte uns herzlich. Ihr Name ist Rita und sie ist die Tochter
von Heidi und Harald Edelhäußer. Ihr Garten ist nur ein paar Meter
entfernt. Wenig später radelte ein älterer Mann heran. Falten
durchziehen das vor Freude strahlende Gesicht. Er umarmte uns sehr
innig und fing sofort an extrem zu thüringern. Selbst ich als tief
verwurzelte Ostdeutsche hatte meine Probleme ihn zu verstehen, ganz
zu schweigen von Jon. Gerhard ist selbst begeisterter Kutschfahrer
und stolzer Besitzer zweier Haflinger. Vor zwei Jahren bat er Jon
eine Koppel an. Sein Garten befand sich direkt gegenüber von uns.
Für Gerhard war es eine besondere Freude, dass wir aufgekreuzt sind,
sonst ist er mit seinem Pferdefieber nämlich der einzigste im Ort.
Seine Frau Rita ist “ganz und gar nicht für das Viehzeug“ - er
hat auch noch zwei Schafe und drei Hunde. Sein Pferdereich und ihr
Gartenreich sind durch einen hohen Zaun getrennt.
Die Pferde bekamen eine Koppel direkt
am Wagen. Der Wiesenrandstreifen würde schon für eine Nacht
reichen. Die nächsten Tage, Wochen und Monate koppelten wir sie
durch ganz Uelleben. Sogar die Pferdeäppel waren beliebt und fanden
einen neuen Job im Garten der Anwohner.
Nach und nach lernte ich die ganze
uellebener Mannschaft kennen. Zunächst die Gartennachbarn und dann
nette Leute vom Dorf, die uns auf ihrem Spaziergang entdeckten. Einer
davon war Roland, er betreibt einen kleinen Streichelzoo. Seine drei
frechen schwarzen Ponys hatten schon bei Ankunft unseren Pferden laut
„Hallöchen“ gerufen. Der Miniaturhengst wollte sogleich den Zaun
erklimmen und Winston's Stute abluchsen. Winston fand das Getöse
ganz lustig. Django hingegen hatte den kleinen Macho abgrundtief
gehaßt und ihm seine Zäne und das Hinterteil gezeigt. Eines Tages
kam Roland vorbei und bot uns an auf seiner Ponywiese zu überwintern.
Puh, da viel uns ein Stein vom Herzen, denn Kutschefahren war für
mich sowieso schon tabu und hier hatten wir auch schon Anschluss.
Trinkwasser und Waschmaschine bekamen wir von den Edelhäußern. Jon
könnte in Erfurt und Leipzig spielen.
Die Winde des Spätsommers ließen die
Blätter der Papppeln im Sonnenlicht tanzen. Die Pferde schaukelten
zufrieden ihre dicken Bäuche im Wackelgang über die Wiesen.
Im September kam Lotte. Uwe fuhr sie
freundlicherweise von Zehbitz zum neuen Zuhause nach Gotha/Uelleben.
Wir hatten die kräftige Ardennerstute im Internet entdeckt. Schon
lange suchten wir nach einem Passgänger für Winston. Spätestens
wenn das Baby auf der Welt ist wollten wir mit einem harmonischen
Passgespann weiterziehen. Das unterschiedlich starke Ziehen von
Django und Winston war schon immer sehr anstrengend zu händeln.
Django wollte ständig alles alleine machen und lief im schnelleren
Tempo als Winston. Das passte hinten und vorne nicht.
Der Hänger rollte vor und gespannt
beäugten unsere Hottes was nun abging. Neugierig aber völlig cool
stapfte Lotte rückwärts aus dem Anhänger. Winston war besonders
von ihr angetan und nur am wiehern. Wir sperrten seine Angebete zu
Ozeanne. Die brauchte kaum die Ohren anlzuegen und Lotte marschierte
brav davon. Beim zweiten Hingucken hingen die Köpfe schon wieder im
Gras. Nur Winston war so betört, dass ihn seine Hormone durch alle
Litzen zu Lotte steuerten. Jon sprang heldenhaft auf und verhindert
den Liebeskontakt – armer Winston. Brav blieb er fortan in seinem
Paddock.
Vier Pferde sind eine Menge Arbeit.
Noch mehr Wasserschleppen und noch größere Koppeln. Django und
Ozeanne hatten wir inzwischen im Internet zum Kauf angeboten. Je
weniger Pferde durch den Winter füttern, desto besser.
In Uelleben begann für Lagun das erste
Intensivtraining. Leider blieb nicht viel davon in seinem Schädel
hängen, denn für ihn begann die “ich-komm-in-die-Pubertät-Phase“.
Gerüche, Geräusche und Tiere geflügelt oder ungeflügelt
beherrschten sein zentrales Nervensystem. Leider konnte ich aufgrund
meines Bauches nur begrenzt durchgreifen. Das hatte der Schlawiner
wiederum schnell geschnallt. In der Nacht banden wir ihn unterm Wagen
fest. Doch der Hund hatte sich schnell wieder befreit. Wir
antworteten mit einer unzerkaubaren Kette und hatten gewonnen. Am
nächsten morgen sah es unterm Wagen allerdings kunterbunt aus. Aus
Frust nagte Lagun an allem was für seine Hundeschnauze erreichbar
war. Er zerfetzte die Spritzschutzplane und die Stiropor-Isolation,
verschleppte Jons Socken und Werkzeug. “Der Zerstörer“ machte
vor nichts Halt. Ok, er ist erst ein halbes Jahr – da werden wir
die Augen noch einmal zudrücken.
Nach einem kurzen Aufenthalt in meiner
niederlausitzer Heimat hatten mich unsere Nachbarn Manni mit seiner
Frau Martina auf der Fahrt zurück nach Gotha begleitet. Manni hatte
sich von dem Pferdevirus anstecken lassen und wollte früher oder
später ein eigenes Pferd besitzen. Jon baute wie immer wieder an den
Koppeln als Vati den Rover stoppte. Wir gingen zu Ozeanne rüber, die
neugierig auf und zulief. Sie ließ sich sofort von Manni kraulen.
Wäre sie eine Rappin könnte man sie glatt für eine Friesin halten.
Ozeanne hat eine wunderschön gelockte lange Mähne, einen
oberhammerdicken lockigen Megaschweif und gelockten Behang an den
Pfötchen. Eine Friesin im Fuchskleid. Ich habe selten so ein schönes
Pferd gesehen. Wir namen sie mit zum Wagen und zogen ihr das
Sattelzeug an. Jon führte sie im eleganten Freistil in allen
Gangarten vor. Danach stieg Manni -in voller Montur ausgerüstet- auf
ihren Pferderücken. Manni, was hast du blos für kurze Kinderbeine?!
Das merkt man ihm auf dem Boden gar nicht an. Im Manni-Freistil
versuchte er Ozeanne zu reiten. Ich glaub er saß zum ersten Mal auf
einem Kaltblüter! Für den Anfang alle Achtung, sah gar nicht mal so
übel aus. Ozeanne machte brav mit ohne große Anstalten zu ihrer
Herde zurück zu wollen. Ein Goldmädel halt! Der sonnige Tag wurde
noch getoppt mit der Einladung von Harald Edelhäußer in seinem
Garten Tee und Gebäck zu vertilgen. Mit vielen Eindrücken und
gestärkt fuhren Familie Manni und Paps wieder nach Haus.
Während für Ozeanne weiter das
Telefon klingelte ließen Anrufer für Django auf sich warten. Zwei
Tage später dann die ersehnte Zusage von Manni. Juhuu meine Ozeanne
wird ein neues Zuhause auf der Herzberger „Tinker's Home“ Ranch
finden.
Um den Winter zu überleben, kauften
wir von Alex -keine 200m weiter befindet sich seine Autowerkstatt-
einen Ford Escord für 300 eus mit TÜV bis zum Jahresende. Diese
Anschaffung erleichterte uns wahrhaftig den Alltag. Außerdem gab es
mir ein ruhiges Gewissen, wenn die Wehen losgehen sollten. Jon konnte
nun auch ganz individuell zum Spielen fahren. 200 Kilo ganzer Hafer
wurden vorsorglich günstig vom Bauern abgeholt. Knapp eine halbe
Tonne Brikett ließ ich anfahren. Heu bekamen wir von Gerhard, weitere
Rundballen, sowie Stroh konnten wir vom Nachbardorf holen. Für den
Winterstandort parkten wir den Wagen circa 100m um, auf die andere
Seite der Pappelallee. Winston und Django zerrten ihn ein letztes Mal
in Position.Wir standen am Rand der Ponykoppel von Roland. Die
Pferde hatten einen großzügigen Auslauf. Für den Winter besorgte
Jon eine riesige Plane vom Baumarkt mit der er einen Unterstand
zauberte. Der Zerstörer bekam mit einer extra Hundehütte sein
eigenes Reich zur Schonung unseres Wagens. Nina konnte ja ohnehin in
den kalten Nächten in die gute Stube.
Vor dem kurzen Umzug wurde meine
Ozeanne abgeholt. Problemlos polterte sie in den Anhänger. Ein paar
Tränchen kullerten mir über die Wangen. Wir hatten eine tolle Zeit
zusammen. Zurück bleibt ein komisches Gefühl. Über mehrere Monate
sind wir tagein tagaus durch dick und dünn gefahren. Wünschten uns
Heute Hier einen Guten Morgen, Morgen Dort einen schönen Tag und
Egal Wo eine Gute Nacht.
Jon ließ kaum Zeit vergehen und übte
mit Lotte einspännig fahren. Für diesen Zweck hatten wir mit
Gerhard einen Kutschtausch gemacht. Er bekam mein Mädelewagen und
wir dafür einen Arbeitswagen. Der Mädelewagen wäre für unsere
Zwecke echt zu schade gewesen. Gerhard legte sich sofort ins Zeug und
restaurierte ihn. Derweil baute Jon an einer Schere für den
Arbeitswagen. Leer klappert die Karre ganz schön heftig, Federung
sowie eine Bremse gibt es nicht. Lotte ließ sich prima das Geschirr
überstreifen. Rückwärts in die Schere braucht aber noch etwas
Übung. Jon hatte die Leinen fest in der Hand und lief zunächst
hinterher. Mein Bauch behielt sich dabei alle Rechte vor und schaute
sich das Spektakel lieber von fern an. Mit viel Poltern ging es los,
Lotte lief zwar wie überfallen, blieb aber regulierbar. Laut Anzeige
im Internet wurde sie schon einmal gefahren. Jons Erfahrung lehrte
ihn aber lieber nicht darauf zu vertrauen. Alle beide kamen heil von
ihrem gemeinsamen Abendteuer zurück. Für das erste Mal war Jon mit
Lotte ganz zufrieden. Einen kleinen Gewährsmangel gabt es allerdings
in der Lenkung. Nach Jon's Theorie wurde sie wohl noch nie einspännig
gefahren, weil sie sich mit der Schere nicht in die Kurven lenken
ließ. Übung macht den Meister.
Auf der neuen Koppel liefen alle Pferde
zusammen ohne eine Trennlitze. Ein Gespann zu haben, was nicht
zusammen auf einer Koppel läuft ist Unsinn. “Juchhee“ Winston
preschte mit viel Getöse auf Lotte zu, die sich vor Angst schon an
die Schenkel gepisst hatte. Dann faste sie der Mut und haute ihre
Keulen treffsicher an Winston's Brust. Doch der schien vor lauter
Speck nichts gemerkt zu haben. Sie haute und haute und dann endlich
kam doch der Druck durch und Winston gab vorerst auf. Das Spiel
wiederholte sich noch ein paar Mal, bevor es bei ihm Klick machte.
Django drängelte sich bei den ganzen Aktionen als weißer Retter
gekonnt dazwischen. Auch er erhebte Anspruch auf Lotte und trug
seinen Teil dazu bei.
Malén kommt auf die Welt
Morgen war Tag der
offenen Kreissaaltür im Gothaer Klinikum. Den ersten hatten wir
verpasst. Die sind leider nur einmal im Monat und der nächste wäre
womöglich eh zu spät. Eine Frau wies den Weg zum
Bäuchleinseminarraum. Hauptsächlich Pärchen waren anwesend. Wer
hätte das gedacht, dass plötzlich außer mir noch so viele Frauen
hochschwanger sind? Vielleicht muss ich ja noch am Kreissaal Schlange
stehen? Nach der Begrüßung und dem allgemeinen "BlaBla" führten uns
die netten Hebammen durch die Station - Stillraum hier, zwei
Kreissäale mit Badewanne und mehrere Wehenzimmer. Prima ausgerüstet
und eine angenehme Atmosphäre. Der werdende Pappa darf die werdende
Mamma beim Kindrauspressen helfen und das Miniaturding darf mit ins
Mammabett.
Angeblich können Mamas drei Tage
vorhersagen, ob ihr Kindlein kommt. Als Jon mich zirka eine Woche vor
dem Entbindungstermin fragte, antwortete ich: „Das dauert noch,
solange der Wagen noch nicht Babyfertig ist, gibt mein Kopf das
Signal noch nicht frei.“ !!!PUSTEKUCHEN!!!, denn schon am nächsten
Morgen platzte mir die Blase. “Au Backe, Scheibenkleister“,
krieg ich eine scheiß Angst. Nervös weckte ich Jon. „He Schatzi,
ich glaub die Fruchtblase ist geplatzt!“ Er beruhigte mich und tat
das einzig sinnvollste – Teewasser aufsetzten. Mit ständigem
Gedanken an die Geburt, möglicher Komplikationen und das wir in
spätestens zwölf Stunden zu dritt sein werden, stürmte ich ins
Freie und hielt mein Nackepopo irgendwo ins Gras. Wie lange dauert
das denn noch mit dem ganzen Wasser? Ständig läuft etwas nach, wenn
ich den Popo abtrocknen will. Gerade dabei das Wurzelnschlagen zu
verhindern, meldete sich auch noch mein Schatzi ab, um die Pferde
umzukoppeln. Schließlich sollten die nicht gerade Ausbruchslust
bekommen nur weil das Gras knapp geworden ist, wenn wir im
Krankenhaus sind. „Was“? „Du willst mich alleine lassen?“,
hielt ich ihm bibbernd vor. Er erklärte mir die Notwendigkeit und
radelte mit Telefon in der Tasche davon. Via Telefon holte ich mir
Beistand von Mutti und Vati die gerade Bootsurlaub machten und dann
von meiner Schwester Benita. Zwei Stunden später saß ich im Auto
auf dem Weg ins drei Kilometer entfernte Hospital. „Nicht so
schnell über die Huckel!“ Sekunden später lag ich schon unterm CT
und dann unterm USL. Die Wehen (kommt von weh machen) waren bereits
alle vier Minuten. Jon bekam einen Fragebogen in die Hand gedrückt
und fragte mich ständig irgendwas. Ich hatte aber alle Hände und
Köpfe voll was anderes zu tun, als mich auf irgendwelche Fragen zu
konzentrieren. Der Katalog schien nie zu Ende zu sein, denn selbst
unter heftigen Wehen in der Badewanne sollte ich ihm Antworten
liefern. Schließlich einigten wir uns bei sämtlichen
Babyvorsorgesachen auf die “Ja ich will“-Spalte. Puh, war mir
heiß. Vom Nachbarkreissaal hörte ich eine andere werdende Mamma
kreischen. Oh, Himmel “dat hörte ick mir ab“ und fing auch damit
an. Bloß raus aus dem Wasser, bevor ich total hinüber bin. Was war
denn das? Irgendetwas Fieses schien meine Oberschenkel festzuhalten.
„Loslassen!!!“ Meine Stimme wurde leider nicht erhört und ich
quälte mich mit Jon als Armstütze aufs Kreissaalbett. Es wurde noch
'ne Nummer fieser, denn die Presswehen fingen an. Eine Hebamme war
nicht in Sicht, die hatten wohl im anderen Kreissaal Überstunden.
Irgendwann flatterte im Vorbeigehen ein Stationsarzt bei mir lang
und verlor drei Sätze übers Atmen. Erstaunlicherweise konnte ich
mich irgendwie darauf konzentrieren und von jetzt auf gleich hatte
ich fast alles an mir unter Kontrolle. Zwei Hebammen, die ich noch
nicht kannte, drängelten sich endlich zu mir ans Bett und machten
dubiose Vorschläge mal die Rauspressstellung zu wechseln. Ich wollte
mich aber absolut nicht vom Fleck bewegen. Nee, Bewegung fand ich
ganz und gar nicht toll. Doch irgendwie hatte ich keine andere Wahl,
die würden ja sowieso nicht aufhören weiter blöde Vorschläge zu
sabbeln. Also raffte ich mich auf so einen oberdoofen Hocker mit
Rauspressloch. Nebenbei fauchte ich ständig Jon an, er solle ja
nicht aufhören am Steiß zu massieren. Jeder der von mir was wollte
hatte die Arschkarte und wurde angefaucht. Die Oberarschkarte hatte
aber jedoch ich. Das wird nix mit dem Gebärhocker, hatte vor lauter
Bibbern gar nichts mehr auf die Reihe gekrigt. Zurück im Bett
faselten die Ammen was von Wehentropf. Darauf hatte ich auch keinen
Bock. Die wiederum ließen aber nicht locker und wir einigten uns auf
eine Minidosis von dem Zeug. „Nicht aufhören zu massieren“!
Irgendwie hatte Jon Watte in den Ohren. Eine Praktikantin kam noch
dazu, die ich gleich zum Wasserservieren verdonnerte. Mir war
saumäßig heiß!!! Dann kam auch wieder der Arzt von vorhin, sodass
sich inzwischen ein schaulustiges Publikum aufgebaut hatte. Die
Hebammen schienen die Geduld zu verlieren und motzten ich würde
immer noch nicht doll genug pressen. „Manometer ich press doch aber
schon“! „Mehr, Mehr, fester, doller, nicht aufhören, noch mehr,
noch fester!!!“ Dann plötzlich: „Hoo, langsam!“, hörte ich
die Schwestern brüllen. Hä?, wie jetzte? Erst dolle und dann doch
wieder nicht? Ich mußte tatsächlich meine Schwerstarbeit für einen
Moment unterbrechen und alle Gänge runterschalten. Dann spürte ich
was abging. Autsch Au, das Köpfen war zu einem Drittel da! „Hurra“!,
schrie ich zu den Schwester, „Ich weiß jetzt wie's geht“! Die
lachten nur und meinten ich sollte mal fühlen. Huch, ojeh, was das
denn? Scheu zog ich rasch meine Hand von dem glitschigen Unbekannten
zurück. Mit der nächsten Wehe hatten wir es endlich geschaft. Das
Miniding wurde mir verschmiert wie es war auf den Bauch gelegt. Tief
durchgeatmet und völlig obererschöpft genossen wir die ersten
Minuten zu dritt.
***Technische Details: 53cm Länge,
57cm Kopfumfang und 3460 Gramm***
Wagenleben mit
Baby und der Winter
Die Tante kam zuerst zu Besuch ins
Krankenhaus. Stolz hielt Benni ihre erste kleine Nichte im Arm. Einen
Tag später überraschten uns die frisch gebackenen Herberger
Großeltern und ließen gleich eine Ladung Holz für den nahenden
Winter zurück.
Jon nutzte die Zeit unserer
Abwesenheit, um den Wagen babygerecht umzubauen. Endlich, nach fünf
Tagen Krankenhausaufenthalt ging es nach Haus . Es regnete in Strömen
als wir mit Kind in der Babyschale das wohlbehütete Krankenhaus
verließen. Der erste Schritt in die große weite Welt, in der
sämtliche Umwelteinflüsse auf einmal auf das Baby einwirken,
beängstigte mich. Kann ich Malén gut genug behüten und doch nicht
zu sehr? Viele, viele Fragen schossen mir durch den Kopf.
Oberanstrengend so ein kleines
Würmchen, besonders wenn es an der Dreimonatskolik leidet. Das arme
Ding schlief tagsüber nur im Tragetuch oder im Kinderwagen. Leider
war ich durch die Geburt enorm gerissen. Stehen, Laufen und Kacken
konnte ich nur unter starken Beschwerden. Der Beckenboden hatte
unheimlich nach unten gedrückt. Kinderwagenschieben musste ich mir
regelrecht antrainieren. Tragen konnte ich Malén auf keinen Fall.
Zum Glück war Jon immer da außer natürlich Samstags. Zwischen
Windelnwechseln, Stillen, Windelnwaschen und Babyrumschleppen oder
-beruhigen blieb nur Zeit für zwei Mahlzeiten am Tag.
Glücklicherweise schlief sie nachts ziemlich rasch vier Stunden
durch. Ein piependes Thermometer signalisierte uns, dass der Ofen
wieder nachgelegt werden musste. Jon erledigte das ohne Worte. Unser
24h Ablauf wurde ausnahmslos vom Baby bestimmt.
Nach wenigen Tagen kam auch schon der
große Bruder vorbei. Fynn hatte es kaum abwarten können sein erstes
Geschwisterchen in den Armen zu halten.
Schnell wurde der Paddock
der Pferde schlammig. Django, der Spielidiot, trug am meisten dazu
bei. Den Fressplatz legte Jon mit Gummimatten aus. Für den Boden im
Untersstand zerrte Winston schwere Holzpaletten ran, auf die
anschließend auch Gummimatten verlegt wurden.
Die Temperaturen fielen
weiter und die Schlammlöcher verwandelten sich zu Buckelpisten auf
denen die Pferde nicht laufen mochten. Über mehrere Tage blieben sie
einfach auf ihrem Fressplatz stehen und verließen ihn nur zum
Trinken. Derweil türmten sich hinter ihnen die Pferdeäppelhaufen.
Glücklicherweise bemerkte Roland den festen Schlammassel und
genehmigte eine Erweiterung auf der angrenzenden ebenen Wiese. Sofort
fing Django wieder an zu spielen. Nachts trennten wir die drei dann
doch lieber und bauten für jeden ein schnuffeliges Strohlager. Mit
dem Mist wurde ein ebener Pfad zum Unterstand geschaffen.
Der Ofen lief rund um die
Uhr. Die knackigsten Temperaturen erreichten 17 Grad minus. Schnee
verwandelte die Landchaft in ein Wintermärchen. Tagsüber taute der
Schnee auf dem Dach und sammelte sich in Tropfen zu riesigen
Eiszapfen. Das Wasser für die Pferde musste täglich mehrmals vom
Brunnen geholt werden, weil es kurze Zeit später schon wieder gefror
- harte Arbeit für Jon.
Django Verkauf
Django hatten wir
inzwischen im Preis heruntergesetzt und endlich kamen die ersehnten
Anrufe. Zugegeben, es ist auch nicht grad eine gute Voraussetzung ein
Pferd im tiefsten Winter zu verkaufen. Eine freundliche Frauenstimme
vereinbarte gleich einen Besichtigungstermin. Die Familie suchte für
ihre zwei reitbegeisterten Töchter eigene Pferde. Sie kamen an einem
sonnigen Wintertag extra aus Kassel angefahren. Die vielleicht neue
Besitzerin war sofort von ihm beeindruckt. Wir sattelten Django und
Jon zeigte im Mansfield-Freistiel alle Gangarten. Danach gab ich
beiden Mädchen eine kleine Ausbildungseinheit. Sie kamen sehr gut
mit Django zurecht. Er ist unser einzigster Kaltblüter, den man auch
in der Bahn gut vorwärts reiten kann. Die zwei Ardenner haben
absolut keinen Bock auf Kringel. Der Proberitt verlief prima. Zwei
Tage später dann der Anruf: „Ja, wir nehmen ihn!“. „Juchuuu,
Django hatte eine neue Aufgabe gefunden, die ihm bestimmt super Spaß
machen würde“! Ich bin ihn immer sehr gern geritten!!! Einzigstes
Problem, die Familie hatte keine Möglichkeit ihn abzuholen. Wir
organisierten alles und fuhren zwei Wochen später in die Kasseler
Region. Nach etwa zwei Stunden Fahrzeit begrüßte ihn bereits seine
neue Kumpeline. Sie war eine schwarze Friesenmixstute. Den Pferden
wurde in der Dämmerung noch reichlich Heu gefüttert und wir gingen
zum Geschäftlichen über. Eine Stunde später dann der Anruf:
„Vermisst ihr ein weißes Pferd?“ Ohjee, Django war tatsächlich
ausgebrochen. Über zwei Stunden fehlte uns die entscheidende Spur.
Dann der Hinweis von der Polizei, dass sich – zirka acht Kilometer
weiter im Übernachbardorf – Django von einem privaten
Pferdestallbesitzer brav einfangen ließ. Plötzlich traten der
Familie Zweifel über den Kauf von Django auf und das Geschäft wurde
rückgängig gemacht. So kam es, dass wir zur selben Minute das Pferd
wieder in den Hänger führten und über die sinnloseste Aktion
dieses Jahres den Kopf schüttelten. Gegen zwei Uhr früh fielen wir
endlich total kaputt ins Bett. Ein Spielsamstag ging leider auch noch
dabei drauf.
Am nächsten Tag wieder
ein Anruf, diesmal aus Berlin. „Ja, der ist noch zu haben!“,
erwiderte ich am Telefon. Zwei Tage später, an einem nebligen
Morgen, schlich ein Pfertransporter den glatten überfrorenen Feldweg
vor. Zwei freundliche Damen Ende Dreizig begrüßten uns. Mit allen
Pferden ritten -die Pferde schlichen - wir zum Tierarzt. Dort
ließen sie eine Ankaufsuntersuchung machen. Alles bestens, wir
hätten sogar noch ein paar Scheine auf den Kaufpreis draufschlagen
können. Auf spiegelglatten Wegen ging es im Schneckentempo zurück.
Statt zu reiten wurde vorsichtshalber lieber geführt. Die beiden
entschieden sich in einer Pension zu übernachten. Den Tag darauf war
der Kaufvertrag in “Sack und Tüten“. Django rief ein letztes Mal
vom Anhänger zu seiner Herde, dann verschwanden sie hinter einer
Kurve. Sein neues Einsatzgebiet waren mehrtätgige Wanderritte und
ein Leben unter vier spanischen Kumpels auf großzügigen Weiden des
Goldnebelhof bei Oranienburg. Sein neuer Künstlername: „Jean Luc
Picard“!
Großer Abschied
Zwei Wochen vor Abreise
registrierte Gerhard wehmütig unsere Aufbruchstimmung. Fast täglich
gab er uns die Ehre und fachsimpelte mit Jon über Pferde- und
Kutschendinge. Eine Hand wusch die andere. Er versorgte unsere Pferde
über die Weihnachtszeit, Jon half ihm beim Schweißen und
Hufverschnitt.
Viele Dinge mussten noch
erledigt werden: der Anbau der Anhängerkupplung für den kleinen
Wagen, der Abbau des Unterstandes, das Zusammenschieben des Pfades
aus Pferdemist, der Schmied sollte noch kommen, den Wagen aus dem
Schlamm zum Weg vorziehen und ein letztes Aufräumen auf dem Gelände.
Endlich nahte der Tag X. Das Lokbuch Getrappelwagen notierte das
historische Datum 01.03. 2009. Die Familie Edelhäußer und Gerhard
versammelten sich bei schönem Wetter um unseren Wagen. Gerhard half
bei der Anspannung, ich hatte genug Müll um die Ohren. „Hier ein
Sack, da ein Sack überall ein Sack Sack! Onkel Paul wohnt auf dem
Land Hia Hia Ho. ... !“
EENNDDLICH! Wir drückten
alle ganz doll, dann sprang Jon auf den Wagen und erstmalig zottelten
Lotte und Winston im traumvollen Schritt unser Häuschen zusammen.
Später entdeckte ich noch
auf einem Bild wie Gerhard sich im Hinterherschauen eine Träne
hinter der Brille wegwischte.
Uellebener ihr seit auf
ewig in unseren Herzen verankert. Die schönste Thüringerin hat im
euren Dorf den Start ins Leben gefunden!!!
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